Die Illusionen mancher Existenzgründer

Sie sitzen mir regelmäßig gegenüber – Existenzgründer, die kurz davor stehen, die Welt zu verändern, superreich zu werden und überhaupt das ganz große Ding zu zünden. Sie können dann „noch nicht genau darüber reden“ und schwaddronieren über einmalige Chancen und totsichere Gelegenheiten. Sie erkundigen sich, wie sie ihre tolle Marke schützen können, ob mir ihr Logo gefällt und ob ich nicht ihren Businessplan schreiben könnte.

In diesen Gesprächen kommt der Moment, der mir die Aussicht auf ein Mandat im Gründercoaching Deutschland (KfW) versaut. Ich stelle die Killerfrage: Was, wenn Sie scheitern? Wer jetzt nachdenklich wird, ist noch zu retten. Die anderen halten mich für einen Spielverderber, nicht zuletzt weil ich ihre Bewirtung nicht bezahle. Ich fress‘ mich auch nirgends durch!

Nach drei Jahren, so der KfW-Gründungsmonitor 2012, ist ein Drittel aller Gründungsvorhaben bereits wieder beendet.

Ich kann Existenzgründer, die glauben sie hätten die perfekte Geschäftsidee, schlecht beraten. Wozu auch, wenn alles perfekt ist? Diese Illusion verstellt den Blick für die Realität. Mir sind Zweifler lieber, denn Zweifel sind angebracht. Schaffe ich das? Bin ich dem Druck des Wettbewerbs gewachsen? Kann und will ich doppelt und dreimal soviel arbeiten für anfangs sehr wenig Geld? Denn das ist die Realität für Existenzgründer. Viele verschwinden vom Markt. Scheitern ist normal. Der Erfolg gehört den Realisten, die ihr Können und Märkte gut einschätzen können, die lieber vorsichtig planen als zu optimistisch, die sich Ziele setzen und wissen, dass ein harter Weg vor ihnen liegt. Die wirklich Erfolgreichen haben aus Scheitern gelernt und es wieder und wieder versucht.

Vergiss die Erfolgs-Ratgeber!

Erfolg entsteht durch harte Arbeit, nicht durch das Mantra der Erfolgs-Bücher: „Du kannst alles schaffen!“ Chaka! Wenn jeder alles erreichen könnte, warum tun es dann so wenige? Etwa weil die vielen Ratgeber nicht gelesen werden? Im Gegenteil. Eine ganze Industrie von Autoren und Rednern lebt von diesem Unfug, streng genommen vom Unglück der Masse. Es ist eine Illusion anzunehmen, man müsse nur fest an sich und sein Vorhaben glauben. Natürlich sollen Existenzgründer auf ihre Stärken vertrauen, aber es gehört mehr dazu, vor allem harte Arbeit. Daran arbeiten wir unter anderem im Gründercoaching.

Die Wahrheit ist:

  • Niemand wartet auf dein neues Produkt oder deine Dienstleistung.
  • Eine gute Idee hat man nie für sich allein.
  • Scheitern ist viel wahrscheinlicher als Erfolg.
  • Schnelles Geld gibt es nur bei Lotto und auf Abwegen.

Dutzende Existenzgründer, die ich in den letzten Jahren beraten habe, sind nach wie vor aktiv. Keiner hat bisher aufgeben müssen. Diesen Erfolg haben sie nicht mir zu verdanken sondern ihrem eigenen Fleiß. Ich kann lediglich die eine oder andere Erfahrung abmildern, hier und da eine Bruchlandung verhindern. Fliegen muss jeder selbst. Von den Senkrechtstartern, die mir regelmäßig begegnen, höre ich meist nie wieder etwas.

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